Fotografieren ist Technik – oder ist da doch noch mehr? (Teil 1)
Wahrnehmung & Intuition
Die Kunst lebt von der Kreativität. Sie ist nichts käufliches, nichts trainierbares (obwohl, ein bisschen vielleicht schon), man kann sie auch nicht greifen oder richtig klar erklären. Sie ist da. Oder nicht.
WENN DER KOPF LANGSAMER WIRD
Wir waren vor Kurzem in den Ferien am Meer. In einer anderen Gegend, ohne meine Routinen zuhause, andere Luft, anderes Essen. Und das erlaubt dem Kopf, sich zu leeren. Der Alltag wird langsamer. Ich habe mir mit meiner Kamera 2-3 kreative Fotoideen (1 davon war das Thema Bewegung) vorgenommen – einfach Ausprobieren ohne Druck, etwas Neues zu kreieren & ohne, dass ich etwas abliefern muss, so quasi: mal lüägo... Und da liegt ein Schatz begraben. Solche Zeiten erlaube ich mir zuhause nicht so viel, weil - eben Alltagstrott.
DER MOMENT ZWISCHEN 2 SEKUNDEN – INTUITION TRAINIEREN DURCH BEOBACHTEN?
Aber wieso ist denn dieses „Kopf frei bekommen“ so wichtig? Im www steht: …um bessere Entscheidungen zu treffen, die Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen, Overthinking stoppen, Stressabbau. Und was passiert genau? Im www steht: Gedankenkarussell stoppen, Perspektivwechsel, Aktivierung des Parasympathikus (Bremse), Entspannung der Muskeln, Regulierung von Herzschlag & Atmung.
Ich habe auch das Gefühl, dass ich in solchen Zeiten langsamer werde & dann vor allem mehr beobachte. Dieses Warten auf DEN Moment des Abdrückens oder mir zu erlauben: ich lass es bleiben, weil er einfach nicht kommt. Dass ich ein Gespür entwickle für Timing. Für den Winkel. Dafür, warum ein Bild für mich funktioniert – oder eben nicht. Und wenn ich das übe, dann folge ich meiner Intuition & diesen Muskel kann ich dann trainieren. Schlussendlich gibt es mir auch mehr Sicherheit für kommende Shootingaufträge.
BEOBACHTEN STATT PRODUZIEREN
Ist Produzieren, ständig liefern zu müssen, Content machen, Output, das Performen, Trends imitieren etc. nicht DIE Krankheit der Fotografen unserer Zeit? Vielleicht verlieren wir – ich nehme mich an der Nase! – zwischen all den Bildern manchmal genau das, worum es eigentlich geht: wahrzunehmen. Ja klar, als Dienstleister müssen/dürfen wir unseren Kunden ihre gewünschten Bilder abgeben; ihnen können wir nicht sagen: “mal lüägo”... Aber diese Aufträge sind eingebettet in unserem Handwerk & eben – unserer Kunst. Somit ist ein weiterer Unterschied zwischen den Fotoaufträgen & Ferienbildern oder freien Projekten nebst dem Druck, schöne Bilder abzugeben, dass ich nicht Personen in ein rechtes Licht rücken & sie anweisen muss, sondern dass ich wartend beobachte, bis die Momente einem zufallen. Ich beobachte Gesten. Wie sich Menschen zueinander verhalten. Wie Licht fällt. Und manchmal sagt etwas in mir einfach: Jetzt.
BILDER MIT BISS
Kreativität bedeutet auch, viele mittelmässige Bilder auszuhalten… Viele Bilder, die fast funktionieren. Aber eben nur fast.
Auszeiten, Styled-Shootings, in denen ich sage, warum wieso weshalb etc. lassen mich – nebst schönen Bildern für mein Portfolio – auch als Künstler wachsen. Und für mich geht’s nicht einfach nur darum, schöne Bilder zu machen & diese für mich, oder auch für andere abzugeben, es sollen Bilder darunter sein, welche ich noch nach Jahren denke: läck, DAS Bild hat Biss. Es gefällt sicher nicht jedem (Kunst liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters). Aber MIR gefällt’s. Da stimmt so vieles in dem Bild, da halte ich es länger auf meinem Bildschirm offen, muss vielleicht sogar zweimal hinschauen – solche Bilder gibt’s nicht sehr viele. Aber wenn mir eines gelingt, dann denke ich: genau für solche Fotos nehme ich meine Kamera zur Hand. Nicht jedes kreative Experiment funktioniert. Scheitern muss man sich erlauben & aushalten.
Aber genau dort entsteht oft Entwicklung.
Vielleicht brauchen wir genau deshalb manchmal Abstand vom Müssen. Nicht nur um bessere Fotos zu machen. Sondern um wieder zu sehen.