“Ich bin nicht so fotogen.”
Es ist wahrscheinlich der Satz, den ich vor einem Shooting am häufigsten höre.
“Ich bin so unfotogen.”
“Das wird schwierig mit mir.”
“Ich weiss nie, wohin mit meinen Händen.”
Und weisst du was? Beim Verschicken der fertigen Bilder höre ich fast genauso oft den Satz: “Oh wow, so habe ich mich noch nie wahrgenommen.”
Diese zwei Sätze liegen manchmal nur ein paar Tage auseinander. Und jedes Mal berührt mich das.
Vielleicht auch deshalb, weil ich mich selbst darin wiedererkenne. Ich bin wahrscheinlich meine strengste Kritikerin. Wenn ich Fotos von mir sehe, entdecke ich zuerst das Doppelkinn, die Frisur oder diesen einen Gesichtsausdruck, den ich überhaupt nicht mag. Das Positive sehe ich oft erst viel später – wenn überhaupt.
Ich glaube, genau so geht es den meisten von uns.
Wir wachsen mit Schönheitsidealen auf, vergleichen uns mit anderen, sehen täglich perfekt inszenierte Bilder & beginnen irgendwann zu glauben, dass wir genauso aussehen müssten. Dass wir nur dann schön sind, wenn alles stimmt.
Unser Körperbild entsteht nicht nur durch das, was wir sehen. Es wird geprägt von Vergleichen, Kommentaren, Schönheitsidealen & unserem eigenen inneren Kritiker. Mit der Zeit entsteht ein Bild von uns selbst, das oft viel strenger ist als die Realität.
Genau deshalb liebe ich Portraitfotografie.
Nicht, weil ich Menschen «schön machen» möchte. Sondern weil ich ihnen zeigen darf, dass sie es bereits sind.
Ein Portrait ist keine Bewertung. Es ist eine Momentaufnahme.
Ein kleiner Ausschnitt aus einem einzigen Augenblick.
Nicht die Version von dir, die jeden Tag perfekt funktionieren muss. Nicht die Version, die sich morgens im Bad kritisch betrachtet.
Sondern ein Moment, in dem dein Lachen echt ist, dein Blick ruhig wird & deine Persönlichkeit sichtbar werden darf.
Und plötzlich passiert etwas.
Menschen schauen ihre Bilder an & sagen: "Bin ich das wirklich?"
Ja, das bist du! Vielleicht sogar mehr, als du dachtest.
Fast jeder Mensch bringt Unsicherheiten mit. Die Nase. Das Kinn. Die Oberarme. Die Falten. Die Figur. Irgendetwas findet sich fast immer.
Das Spannende ist: während du deinen Blick ständig auf genau diese eine Stelle richtest, nehmen andere meistens etwas völlig anderes wahr.
Sie sehen deine Herzlichkeit.
Dein Lächeln.
Deine Ausstrahlung.
Die Wärme in deinen Augen.
Oder dieses ansteckende Lachen, das den ganzen Raum füllt, wenn du da bist.
Wir selbst sind oft unglaublich schlecht darin, uns objektiv wahrzunehmen. Manchmal frage ich mich, warum wir mit uns selbst so streng sind. Über einen anderen Menschen würden wir wohl nie so hart urteilen, wie wir es täglich mit uns selbst tun. Ist das nicht bemerkenswert?
Natürlich helfe ich dir auch dabei, dich vor der Kamera wohlzufühlen. Oft reichen schon kleine Veränderungen:
Schiebe dein Kinn leicht nach vorne statt nach unten – ja, ein bisschen wie eine Schildkröte. Klingt komisch, sieht aber überraschend natürlich aus.
Dreh deinen Körper leicht zur Seite & verlagere dein Gewicht auf ein Bein. Das wirkt sofort entspannter als eine gerade, symmetrische Haltung.
Gib deinen Händen eine kleine Aufgabe. Halte eine Jacke, greife locker in die Hosentasche oder lehne dich an eine Mauer. Hände fühlen sich am wohlsten, wenn sie etwas zu tun haben.
Aber ganz ehrlich?
Die schönste Pose der Welt ersetzt nie das Gefühl, sich selbst mit etwas mehr Freundlichkeit zu begegnen.
Ein gutes Portrait entsteht nicht, weil jemand perfekt posen kann.
Es entsteht, wenn jemand langsam vergisst, dass gerade eine Kamera auf ihn gerichtet ist. Es entsteht, wenn ein Mensch sich erlaubt, einfach da zu sein.
Wenn aus Anspannung ein echtes Lächeln wird.
Wenn aus Unsicherheit plötzlich Neugier entsteht.
Ich wünsche mir, dass jede Person mindestens einmal Bilder von sich besitzt, auf denen sie sich selbst mit liebevolleren Augen sehen kann.
Nicht, weil man allen gefallen muss oder einem Schönheitsideal entsprechen soll. Du musst nicht jedem gefallen! Du musst nicht aussehen wie die Menschen, die täglich durch Social Media scrollen. Du musst nicht perfekt sein.
Du darfst aussehen wie du.
Ein Portrait kann dieses Bild manchmal wieder gerade rücken.
Vielleicht ist genau deshalb ein Portraitshooting so wertvoll. Nicht, weil du danach ein schönes Foto in der Hand hältst – sondern weil es dir zeigen kann, dass das Bild in deinem Kopf vielleicht gar nicht die ganze Wahrheit erzählt.
Manchmal brauchen wir einen Blick von aussen, um zu erkennen, was andere schon längst sehen.
Wie schön wir eigentlich sind.
Ich glaube nämlich nicht daran, dass manche Menschen fotogen sind & andere nicht.
Ich glaube, jeder Mensch verdient es, sich einmal so zu sehen, wie ihn die Welt längst sieht.
Du bist nervös vor einem Shooting? Perfekt. Lass uns gemeinsam entdecken, wie du dich selbst mit neuen Augen sehen kannst.
Diese Gedanken habe ich nach dem Workshop von Mareike Groene aufgeschrieben. DANKE dir für den Anstoss, du wunderbare Fotografin!