Fotografieren ist Technik – oder ist da doch noch mehr? (Teil 2)
Kreativität klingt oft wie etwas Mystisches. Entweder man hat sie – oder eben nicht. Aber ich glaube, das stimmt nicht ganz.
KREATIVITÄT BEGINNT NICHT MIT DER KAMERA
Viele denken, gute Fotografie beginnt mit einer guten (& teuren) Kamera. Ich glaube, sie beginnt viel früher. Kreativität ist so ein viel gebrauchter & schwieriger Begriff. Wie finde ich sie? Ist es wirklich einfach Kamera zur Hand nehmen, Blende, Verschlusszeit, ISO einstellen & auslösen. Fertig. Das ist die erlernbare & „einfache“ Seite des Handwerks. Dann etwas photoshoppen & fertig. Aber Fotografieren ist nicht nur Malen nach Zahlen. Vieles spielt sich schon vor dem Abrdrücken ab. Beim Entlanglaufen der Braut durch den Kirchenmittelgang stelle ich mir im inneren Auge vor: was lasse ich im Bild von der Umgebung weg, was nehme ich bewusst mit dazu – das definiere ich!
INSPIRATION LEBT ÜBERALL – HOL SIE DIR AUSSERHALB DER FOTOGRAFIE
Aber wie übe ich mich denn jetzt, kreativ zu sein? Bzw. wo hole ich mir Inspiration? Eine Art für mich ist es sicher, mich nicht nur mit dem Thema Fotografieren als Kunstform zu beschäftigen. Wo erschaffen andere etwas? Im Film z.B.: wenn ich ins Kino gehe, überlege ich mir bei fast jeder Szene: „wieso steht die Frau da & nicht da drüben.“ „Ah spanneder Bildaufbau, Vordergrund, Hauptebene, Hintergrund...“ „Eine Nahaufnahme, das spricht mir direkt ins Herz“… Klingt stressig, sich so einen Film anzusehen, aber je länger ich das mache, je mehr ist es einfach Teil von mir. Oder ich liebe es, ins Museum zu gehen - letztes Jahr habe ich in Paris eine Ausstellung von Magnum-Fotografen besucht. Unglaublich schön. Vor diesen Bildern zu stehen – nicht auf einem Bildschirm, sondern gross, gedruckt, fast körperlich – hat viel mit mir gemacht. Ich habe mir bei jedem Bild überlegt: wieso hat der Fotograf genau diese Relation zwischen den Menschen gewählt, wieso genau den Blickwinkel? Welche Brennweite hat er wohl genommen & warum? Oder ich schaue mir Fotos von anderen Fotografiegenres an z.B. Streetfotografie. Eigentlich nicht sehr mein’s, aber wie diese Fotografen das Leben & Augenblicke einfangen in diesen viel belebten Strassen…
Inspiration, kann jedesmal irgendwo anders anfangen & das ist das faszinierende an Kunst. Ich sehe einen Lichtstrahl, der speziell auf etwas trifft & dies einfach perfekt ausleuchtet. Ich sehe ein Bild auf Instagram mit einer spannenden, nicht alltäglichen Fotografiemethode. Ich höre Musik, höre einen Songtext, die mich auf eine Bildidee bringt. Ich fotografiere einen Halbtag nur in schwarz-weiss. Ich nehme bewusst eine Linse mit nur einer Brennweite mit, die ich sonst weniger brauche… Es ist dieses Loslassen von meinen Erwartungen, den Tunnelblick verlassen – das viel Gehörte: “Out of the box-Denken”.
EINSCHRÄNKUNGEN MACHEN WACH – SIMPLICITY ALS KREATIVMOTOR
Neulich habe ich – als absoluter & seit Jahren 100 %iger RAW-Shooter entdeckt, dass ich in meiner Fujifilm eigene Presets kreieren kann & das Foto so fixfertig als jpg exportieren kann. Quasi so wie zu meinen Anfangszeiten, haha... Ausprobieren. Das challenged mich so richtig, weil ich das Bild genauso in die Kamera bekommen muss – kein am Computer begradigen, verbessern etc. Davon lerne ich: vor dem Abdrücken zweimal zu überlegen, abdrücken oder nicht? Ausschnitt anders wählen? Das lasse ich weg? Und: die Bildauswahl bleibt übersichtlich!
WARUM ANALYSE TEIL DER KUNST IST
Und ein letztes, wie ich lerne, kreativ zu sein ist, meine Bilder während der Bildbearbeitung zu analysieren. Warum ist das Foto nicht scharf? Nächstes Mal geh ich näher ran. Mich auszutauschen über meine & Bilder anderer Fotografen: was seh ich in ihren Bildern, das mich anspricht? Was funktioniert nicht wirklich & wieso? Denn beim nächsten Mal, wenn ich durch meine Kamera schaue, denke ich genau an diesen Prozess: Achtung, noch etwas nach rechts & dann passt der Winkel besser.
Fotografie ist also nicht nur Knipsen. Fotografie ist nicht: oh, die het e güäti Kamera, das git de güäti Bilder! Fotografieren ist für mich deshalb mehr als Technik.
Es ist beobachten. Fühlen. Weglassen. Warten. Und manchmal passiert dann etwas Seltenes: ein Bild schaut zurück.